Dezember 2025
»The charming sitcom is all very well, but good comedy is based on pain and danger and fear.«
Prunella Scales
Die Bleisaft-Oper
Eine klassische Komödiensituation: Drei Männer sind mehr oder weniger verliebt in dieselbe Frau. Um Eva, einzige Tochter aus reichem Haus, freien der Junggeselle Sixtus Beckmesser, seines Zeichens Stadtschreiber, der Witwer Hans Sachs, Schuhmacher und Poet dazu, und der eben zugezogene Junker Walther von Stolzing. Das Match ist von Beginn an entschieden: Zu Eva passt nur Stolzing, verliebt ineinander sind die beiden auch schon. Es trifft sich gut, dass am Johannistag ein Sängerwettstreit auf der Festwiese anberaumt ist, und Evas Vater, der Goldschmied Veit Pogner, hat die Hand seiner Tochter dem Sieger versprochen – sofern sie den will. Aber ein Meister muss es sein. Die Oper heißt ja schließlich: »Die Meistersinger von Nürnberg«.
Zwischen Planszene und Entscheidung liegt, auf vier Stunden verteilt, eines der längsten Libretti des Opernrepertoires; und eines der wortreichsten dazu, denn der Librettist Richard Wagner verzichtet fast ganz auf Wiederholungen in liedhaften Refrains. Stattdessen wird über alle Regeln der Kunst diskutiert, und zwar durchgehend in Versen, die in einem mittelaltertümelnden Idiom verfasst sind und häufig so zurechtgebogen, dass die Sänger es nicht leicht haben, die gebrochenen Rhythmen mit der Musik in Einklang zu bringen. Wagners Reimzwang führt in seiner unberechenbaren Mischung aus banaler Redseligkeit und aphoristischer Verknappung zu weit besseren Versen, als Hans Sachs sie seinerzeit zu schreiben vermochte. Nebenbei wird auch die Handlung vorangetrieben, in welcher Stolzing schließlich ein Meisterlied improvisiert, das, von Sachs protokolliert, dem Nebenbuhler Beckmesser in die Hände fällt, der es auf der Festwiese zum Vortrag bringt.
Und hier nun schlägt die Komödie in Nonsens um: Beckmesser, von einer Prügelei am Vorabend angeschlagen, hebt zu singen an – doch vor seinen getrübten Augen verschwimmen offenbar die von Sachs notierten Zeilen. Das geht befremdlich los und steigert sich in Strophe zwei sinnentstellend. Aus Stolzings Original
Wonnig entragend dem seligen Raum,
bot goldner Frucht heilsaft’ge Wucht
mit holdem Prangen dem Verlangen
an duft’ger Zweige Saum, herrlich ein Baum
wird bei dem verwirrten Beckmesser ein Selbstmordkommando:
Wohn’ ich erträglich im selbigen Raum,
hol’ Gold und Frucht – Bleisaft und Wucht,
mich holt am Pranger der Verlanger –
auf luft’ger Steige kaum, häng’ ich am Baum.
Den »Bleisaft« könnte Wagner bei Paracelsus gezapft haben, der behauptete, dieser besondere Saft wäre zum Erweichen von Gold zu gebrauchen. Die Meistersinger – fast so humorlos wie ein karnevalistischer Elferrat – sind entsetzt, das Volk amüsiert sich. Denn aus Stolzings brünftigem Schluss:
Gleich einer Braut
umfaßte sie sanft meinen Leib;
mit Augen winkend,
die Hand wies blinkend,
was ich verlangend begehrt,
die Frucht so hold und wert
vom Lebensbaum
macht Wagner für Beckmesser zünftigen Quatsch, inklusive Schüttelreim:
Bleich wie ein Kraut
umfasert mir Hanf meinen Leib;
mit Augen zwinkend – der Hund blies winkend,
was ich vor langem verzehrt,
wie Frucht, so Holz und Pferd
vom Leberbaum.
Das Happy End unterm Leberbaum ist absehbar. So weit, so gut. Denn was Wagner dann geritten haben mag, fällt nicht mehr in mein Fach. Er hängt diesem recht erfreulichen Unsinn Hans Sachsens pompösen Schlussgesang an:
Ehrt Eure deutschen Meister!
Dann bannt Ihr gute Geister.
Da haben offenbar den Meister alle guten Geister bereits wieder verlassen.
