Gärtners kritisches Sonntagsfrühstück: Jungs
Im Morgenblatt stand jetzt ein glossierendes Plädoyer dafür, den Sprachwandel als Sprache selbst zu akzeptieren und sich weder über „Denglisch“, noch über das Verschwinden von Wörtern wie etwa „Schlingel“ zu grämen. Wörter stürben nun einmal und machten neuen Platz, und dass zu Goethes Zeiten der Teufel noch „Voland“ gerufen wurde, sei nun mal so sehr Vergangenheit wie die Vokabel „Volant“ fürs Lenkrad: tempi passati, vieux jeu. (Neulich benutzte am Küchentisch eine Besucherin ganz arglos das Wort „saumselig“. Ich war begeistert und musste darauf bestehen, dass es keine ironische Begeisterung war.)
Also will ich mich gern noch ärger freuen über Gespräche, die sich, wie neulich eins im Biergarten, so gut wie ausschließlich aus den Vokabeln voll, total, echt, krass und nice zusammensetzten (es sprachen, wie ich mitbekam, zwei fortgeschrittene Studentinnen der Touristik) und mich anderseits nicht ärgern, dass aus Umgangssprache Standard wird und aus derentwegen wegen derer; falls nicht schon wegen denen. Zumal da sich Sprache im Wandel natürlich ständig verbessert und durchaus farbiger wird: Wo es, zum Beispiel, früher bloß Jungen und Mädchen hatte, haben sich zu den Mädels nun auch die Jungs gesellt, etwa die, die in Thailand gottlob nicht abgesoffen oder erstickt sind. „Durchhalten, Jungs!“ hatte „Bild“ gekräht, derart den alten, flapsigen Sinn des Kumpelplurals noch angemessen transportierend; aber auch sonst war allenthalben von den Jungs die Rede: „Seit dem 23. Juni sitzen zwölf Jungs und ihr Fußballtrainer in einer verwinkelten Höhle fest, von einer Überflutung eingeschlossen“ (meedia.de), und die Vermutung geht nicht fehl, dass der Plural „Jungen“ aussterben wird.