Die bessere Antwort #9

Um mich interessanter zu machen, habe ich meinem heutigen Ehemann bei unserem ersten Date erzählt, Frank-Walter Steinmeier wäre mein Vater. Heute, zehn Jahre später, glaubt er es immer noch. Basiert unsere Liebe auf einer Lüge? (Anonym)
Mir ist schon bewusst, dass die Welt vor zehn Jahren eine andere war. Trotzdem ist die Vorstellung sehr absurd, dass es mal eine Zeit gab, in der eine nahe Verwandtschaft zu Frank-Walter Steinmeier Sie interessanter und sexuell attraktiver gemacht hat. Sogar in der Toilettenschlange bei GALERIA trifft man heutzutage Menschen mit mehr Star-Appeal. Gut, damals war Steinmeier noch Außenminister. Heute schwer vorstellbar, aber das Amt hat ihm sicherlich etwas Kosmopolitisches verliehen. Und seiner Tochter natürlich auch.
In den Augen Ihres Mannes waren Sie eine Frau von Welt, eine, die die Sicherheitshinweise im Flugzeug in mehreren Sprachen mitsprechen kann. Es kann also gut sein, dass er sich nur in Sie verliebt hat, weil Sie dieser aufregende Miles-&-More-Flair umgeben hat. Andererseits trägt Ihr Mann eine Mitschuld: Dass er nach zehn Jahren immer noch dieser Lüge aufsitzt, spricht nicht für seine Intelligenz. Anfangs konnten Sie ja wenigstens noch auf gute Ausreden zurückgreifen, warum er seinen Schwiegervater nie zu sehen bekommt.
»Papa verbringt Weihnachten wie immer mit der Familie des kolumbianischen Präsidenten im Stanglwirt« – um nur mal die nächstliegende zu nennen. Aber in diesen Tagen hat Papa doch wohl genug Zeit, um nach zehn Jahren mal seinen Schwiegersohn auf einen Affogato zu treffen. Ach, und was ist eigentlich mit Ihrem tatsächlichen Vater? Ich hoffe mal, der ist schon lange tot oder wenigstens so stark dement, dass er nicht mitbekommen muss, dass sein Kind ihn noch langweiliger findet als unseren Bundespräsidenten.
Aber zurück zu Ihrer eigentlichen Frage: Zum Teil kann ich Sie beruhigen, denn nur seine Liebe basiert auf einer Lüge. Es ist schon sehr wahrscheinlich, dass Sie den größten Steinmeier-Fan Deutschlands geheiratet haben. Aber ich kann Sie abermals beruhigen: Da er trotz aller Widersprüche an seinem perfekten Schwiegervater festhält, scheint die Wahrheit für ihn zu schmerzhaft zu sein. Und das wird auch in den nächsten zehn Jahren so bleiben. Aber bitte, fürs nächste Mal: Sagen Sie wenigstens, Pedro Pascal wäre Ihr Vater.