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Gärtners kritisches Sonntagsfrühstück: Perfect, Baby

admin

Wenn sich ein hochschwangeres Paar als für längere Zeit letzte Kinohandlung einer Komödie um ein hochschwangeres Paar aussetzt, dann weniger aus praktischem Interesse als dem Spaß, ein bißchen Weltgeist zu spielen. Die Frau, die auf der Leinwand im Begriff ist niederzukommen, wird von der Ärztin informiert, daß ein Mädchen unterwegs ist, worauf die Filmfrau, die auf keinen Fall wissen wollte, was es wird, einen Wutanfall bekommt, worauf der Kinobesucher, der weiß, daß er einen Jungen kriegt, auf dem Heimweg seiner Frau gegenüber ausführt, daß er das überhaupt keine Sekunde versteht noch überhaupt jemals verstanden hat, warum man das nicht wissen wollen kann, man erfahre es doch später eh, und wozu benötige eins in dem ganzen Durcheinander denn noch eine Überraschung? Sei das alles denn nicht überwältigend genug? Das sei (der Mann redet sich gewohnheitsmäßig in Stimmung) doch garantiert wieder irgendein zeitgenössischer Esokitsch, von wegen Wunder der Geburt in Mutter Gaias Naturzustand, wie es ja auch Frauen gebe, die Betäubung aus Prinzip ablehnten, um sich da um keine Erfahrung zu bringen usw., und die Frau mahnt, das sei doch nicht dasselbe, denn das eine sei Romantik und das andere idiotisch, und da der Mann nicht Peter Hacks ist und überhaupt nicht immer so selbstgerecht sein will, beschließt er, seiner Frau rechtzugeben und es nicht übelzunehmen, wenn wer seiner rundum entzauberten Welt mit solchen Tricks noch einen bißchen Restglanz abpressen will.

“Das Leben lebt nicht” Ferdinand Kürnberger

Keine acht Stunden später – der Weltgeist ist ein Schlingel – sitzt der Mann in Sichtweite eines (realen) Ultraschallgeräts und hört einen (realen) Arzt fragen, ob man denn wisse, was es gleich werde, er habe da neulich eine Patientin gehabt, die sei in Tränen ausgebrochen, weil sie es nämlich nicht habe wissen wollen und er es ihr versehentlich gesagt habe, und seitdem frage er sicherheitshalber nach, denn das mit der Geschlechtsüberraschung, das sei wohl eben das gewesen, was der Frau zu einer perfekten Geburt noch gefehlt habe. (Die Ironie ist fein, aber meßbar.)

Der werdende Vater hat keine zwei Stunden geschlafen, und trotzdem kann er sich diesen Triumph nicht verkneifen: Das ist es also, sagt er zu seiner Frau, als der Arzt weg ist: trüber Eventschwachsinn, ohne den der zeitgenössische Mensch halt partout nicht auskommt, denn wenn der Fernsehsatz „Es ist ein Mädchen!“ nicht fällt, dann ist es keine Inga-Lindström-Fernsehgeburt und also keine perfekte, wie die Zeitgenossen nämlich immer alles perfekt brauchen, Urlaub, Promidinner, Kinder, damit der Film, der am Lebensende vorm geistigen Auge abläuft, möglichst der Fernsehwerbung gleicht und bloß keiner merkt, daß die einzige Hölle, die es gibt, die vor dem Tod ist. Usw.

Origineller wird’s nach zwei Stunden Schlaf und am womöglich interessantesten Tag des Lebens nicht; falls es nicht eh Quatsch ist. Und der Mann reibt sich die Augen und denkt: Laß es gut werden. Alles andere ist doch praktisch das Gegenteil.

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