Februar 2025
»I think the arse is the perfect combination of comedy and sexuality.«
Kate Nash
Stuss und Vorurteil
Romane für das Theater zu adaptieren, garantiert normalerweise einen hübschen Nebenverdienst für Dramaturgen, denn wenn über dem Titel, den sie für ihre Bühne bearbeiten, der Name eines berühmten Urhebers steht – Fjodor Dostojewski, Franz Kafka, Thomas Mann –, ist das Haus meist prall gefüllt. Auch Jane Austen ist gegen diese Form der Vereinnahmung wehrlos. Immerhin hat sich ihres beliebtesten Romanstoffes 2018 keine Dramaturgin, sondern eine Autorin angenommen: »Pride and Prejudice* (*sort of)« nennt Isobel McArthur ihr Stück, »nach Jane Austen«. Nach allein fünf Fernsehserien der BBC und mehreren Verfilmungen darf der Stoff als bekannt vorausgesetzt werden: Das Ehepaar Bennet hat fünf heiratsfähige Töchter, von denen möglichst viele standesgemäß verehelicht werden müssen, um den Familienstammsitz zu behalten. McArthurs Prämisse – fünf (oder sechs) Dienstmädchen spielen die Romanhandlung nach – hört sich nach Klassenkampf an; allerdings spielt diese Perspektive überhaupt keine Rolle, es hätten ebenso gut fünf (oder sechs) Hebammen, Marketenderinnen oder gleich Schauspielerinnen sein können. Und der Hausherr, Mr. Bennet, bei Jane Austen für ironische Kommentare zuständig, darf bei McArthur gar nicht erst auftreten.
Ironie ist ohnehin nicht angesagt. Stattdessen wird die Sprache gnadenlos banalisiert, die Töchter/Dienstmädchen werden zu Witzfiguren degradiert, was das Interesse an ihrem Verhalten zunichtemacht. Kurz: Alles, was bei Jane Austen charmant wirkt, bleibt auf der Strecke. Dafür bekommt die Zuschauerschaft anderes geboten: hektisches Umziehen auf und hinter der Bühne, Karaoke-Hits der 1980er-Jahre, Social-Media-Jargon per Schriftgenerator und das krampfhafte Bemühen, Situationen, die aus ihrer Zeit heraus verständlich wären, den aktuellen Vorstellungen anzupassen. Kulturelle Aneignung ohne Erkenntnisgewinn.
Die Frage, warum es Dienstbotinnen sein mussten, habe ich schon gestellt. Ich kann nur vermuten, dass auf ein modisches Interesse für die Unterschicht spekuliert wird. Warum diese im frühen 19. Jahrhundert verorteten Figuren sich in einer Sprache unterhalten, die 200 Jahre später üblich ist, weiß ich wirklich nicht; erst spät tauchen wörtliche Jane-Austen-Zitate auf, nämlich da, wo die Autorin offenbar keinen anderen Ausweg mehr wusste, als sich der Vorlage doch noch anzupassen, weil sie sonst keinen Schluss gefunden hätte. Beinahe drei Stunden dauert das hybride Massaker; Zeit genug, mich zu fragen, weshalb die Kritik nicht nur in Großbritannien, sondern auch im deutschsprachigen Raum, wo der grobe Unfug zwischen Wiener Burgtheater und Komödie am Kurfürstendamm derzeit dutzendfach aufgeführt wird, so positiv ausfällt. »Herrlich« ist dabei das vorherrschende Adjektiv, das im Zusammenhang mit »verspielt«, »verrückt« oder »skurril« gebraucht wird oder mit Hauptwörtern wie »Spaß«, »Ulk« und »Parodie«.
Mir will es scheinen, als habe jemand diesen Theaterkritikern, wie man in Dienstboten-Kreisen wohl sagt, ins Hirn geschissen.
