November 2025
»Immer spielt ihr und scherzt? ihr müßt! o Freunde! mir geht dies
In die Seele, denn dies müssen Verzweifelte nur.«
Friedrich Hölderin,
»Die Scherzhaften«
Papa Nate in Spendierhosen
Es sagt einiges über den Stand des Diskurses, dass es anlässlich der Verleihung des »Fernseh-Oscars« Emmy für keine Schlagzeilen mehr sorgt, wenn die über den roten Teppich stöckelnde Prominenz als Accessoire der Stunde »Free Palestine«-Sticker trägt und bei der Dankesrede lieber dem Staat Israel die Leviten statt Produzentennamen vom Zettel liest. Zur Kontroverse hochgeschaukelt wurde hingegen die Aktion des Moderators Nate Bargatze, zu Beginn des Abends eine 100 000-Dollar-Spende für die Kinder- und Jugendarbeit in Aussicht zu stellen, von der für jede in den Dankesreden überzogene Sekunde ein Tausender abgezogen werden sollte. Der Geld-Countdown lief dann tatsächlich den ganzen Abend, bis die Zählung irgendwann im Minus stand; was ja charmanterweise bedeutet hätte, die Zeche bei den karitativen Vereinen einzutreiben.
Dass dem Moderator anschließend vorgeworfen wurde, ehrbares Engagement ins Lächerliche zu ziehen, hat mir Nate Bargatze, den ich bis dahin nur als witzlosen Witzereißer von der Stand-up-Bühne kannte, erstmals sympathisch gemacht. Bargatze, der sich wie viele seiner Kollegen über die Clubszene und Gastauftritte im Late-Show-Betrieb hochgearbeitet hat, zählt zu den erfolgreichsten seiner Zunft, kommt auf mehrere Netflix-Specials und ausverkaufte Tourneen. Trotzdem legt der mutmaßliche Millionär seine Bühnen-Persona weiterhin als Provinzler und Arbeiterkind an und adelt sich selbst mit dem sanften Superlativ, der »durchschnittlichste aller Amerikaner« zu sein. Sein aus Ankumpeleien bestehendes Programm, in dessen Verlauf Bargatze seine mangelhafte handwerkliche Begabung ausstellt und Kindererziehungsschwänke von Jan-Weiler-hafter Belanglosigkeit serviert, erzeugt familiäre Zwangsbesinnlichkeit und weckt Erinnerungen an Amerikas selbsternannten Daddy Bill Cosby (um dessen Nachfolge sich Bargatze aus verständlichen Gründen nicht allzu offensiv bewirbt). Plaudert Papa Nate zur Abwechslung doch mal aus seinem wahren Leben wie im Live-Mitschnitt »Hello, World!« (2023), entsteht ein schwer vermittelbares Solo darüber, wie nervig es ist, den falschen Golfschläger dabeizuhaben. Kennste? Kennste? Nee, wahrscheinlich nicht, du Geringverdiener.
Da überraschte es auch nicht, dass Bargatzes Spendenspaß am Ende des Emmy-Abends gar keiner war. Der in Aussicht gestellte Betrag wurde brav ausgezahlt und vom Moderator sogar um eine achtbare Viertelmillion aufgestockt. Tue Gutes und witzle darüber? Mir soll es recht sein.
