Oktober 2025
»Das ist die erste und die letzte Wahrheit über jede glückliche Liebe, jede lebendige Öffentlichkeit, jeden triftigen Gedanken und jeden guten Witz: Um zu gelingen, dürfen sie nicht bei sich selber bleiben, sondern müssen aus sich herausgehen, neben sich treten, über sich hinausschießen und manchmal auch hinter sich zurückbleiben.«
Magnus Klaue
Nie wieder Zahnarzt
Was hilft gegen Angst vorm Zahnarzt? Eine tödliche Krebsdiagnose. Und was hilft bei tödlichen Krebsdiagnosen? Möglicherweise ein Restsinn für Komik; für die kleinen Scherze links und rechts des Highway to Hell. Selten habe ich ein so illusionsfreies Buch gelesen wie »Arbeit und Struktur«, das Wolfgang Herrndorf im Angesicht des Todes schrieb. Für den comic relief sorgt der gefürchtete Dentist: »Liste von Dingen, die besser geworden sind: Nie wieder Steuererklärung, nie wieder Rentenversicherung, nie wieder Zahnarzt.«
Die Freude darüber, Besuche beim »Zahnarsch« (John Lennon, »In seiner eigenen Schreibe«) für den Rest des Lebens von der Agenda streichen zu können, scheint bei Todgeweihten ein großes Thema zu sein. Der schwedische Kinderbuchautor Ulf Nilsson hatte noch knapp drei Monate zu leben, als er »Ein kleines Buch über die Kunst zu sterben« (kürzlich bei Weissbooks erschienen) zu schreiben begann: Notizen, Aphorismen, Einsichten. Da gibt es nicht viel zu lachen, mitunter aber eben doch: »Ich schreibe eine Mail und sage meine Termine bei der Zahnhygiene ab. Und schließe mit: ›PS: In den Zahnzwischenräumen putze ich nicht mehr.‹« Sterben zu müssen: nicht schön. Aber zumindest noch ein Weilchen guten Gewissens auf die Reinigung der Zahnzwischenräume verzichten zu dürfen: eine wahrhaft komische Erleichterung. Dass Nilsson sie nicht stillschweigend genießt, sondern seinen Zahnarzt explizit darüber informiert – das sei ihm posthum lobend ins Bonusheft eingetragen.
