März 2026
»Ich werde oft gefragt, ob es etwas gibt, das Autoren beherzigen sollten, und in einem Interview habe ich mich vor kurzem sagen hören: ›Die Worte lieben, sich mit Sätzen quälen. Und aufmerksam sein gegenüber der Welt.‹ Überflüssig zu bemerken, dass mir, kaum waren diese naseweisen Sentenzen aus meinem Mund gefallen, noch einige andere schriftstellerische Tugenden einfielen, zum Beispiel: ›Sei ernsthaft.‹ Womit ich meinte: ›Sei niemals zynisch.‹ – Was nicht ausschließt, lustig zu sein.«
Susan Sontag
Wolkenland
Was das Schöne ist, wissen wir spätestens, seit wir uns im vergangenen Jahr anlässlich des 150. Geburtstags von Rainer Maria Rilke mit dessen Werk beschäftigt und dabei auch die erste Duineser Elegie gelesen haben: »nichts als des Schrecklichen Anfang«. Wo das Schöne seinen Anfang nimmt, wissen Norbert Hummelt und Jan Wagner, die Herausgeber der Anthologie »Tanzt die Orange. 100 Antworten auf Rilke« (Hanser Berlin), und haben dieses Wissen gleich in den allerersten Satz ihres Vorworts hineingepackt: »Wie alle schönen Dinge nahm auch diese Anthologie ihren Anfang auf einer sommerlichen Terrasse in Berlin, an einem Stehtisch im Schatten, wo freundliche Hände von irgendwo zwei Gläser kühlen Weißweins herbeireichten.« Weil ein unsinniger erster Satz womöglich der Anfang eines lustigen Buches ist, habe ich nicht nur das Vorwort gelesen, sondern auch begonnen, jene lyrischen Antworten zu studieren, die zeitgenössische Dichterinnen und Dichter auf ein von ihnen jeweils ausgesuchtes RMR-Gedicht zu geben versucht haben. Es fängt gleich gut an mit Carl-Christian Elze, der sich von Rilke hierzu angestiftet fühlte: »kommt wirklich schnee, sind wir wie kinder / nur wenn er ausbleibt, fängt das sterben an. / kommt wirklich schnee, sind wir wie rinder / die in der reinheit grasen: wolkenland // das uns zu füßen liegt, ein schwebestoff / ein kaltes weiches, angstvergessendes gebilde. / geschenkt von irgendwem, der alles soff«. Ich könnte jetzt lästern, dass man zwar nicht alles, aber doch einiges gesoffen haben muss, um so etwas hinzuschreiben – aber vielleicht wäre das ungerecht, und nicht nur Elze, sondern auch andere kühn Drauflosrilkende dieser tollen Sammlung haben das alles gar nicht ernst, sondern parodistisch gemeint?
Ich fürchte eher, dass die Antworten auf Rilke ungefragt Auskunft über den Zustand der deutschsprachigen Lyrik unserer Zeit geben, der so schrecklich ist, dass nur die Hoffnung bleibt, er könne der Anfang von etwas Schönem sein.
Zumal im Jahr 2026, einem neuerlichen Rilkejahr (100. Todestag).
