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Die bessere Antwort #6

admin

Ich habe viele TikToks zu dem Thema gesehen und bin mir ziemlich sicher, dass mein Chef ADHS hat. Sollte ich meine Vermutung mit ihm teilen?

Es soll Leute geben, die es übergriffig finden, wenn man ihnen selbst gestellte Diagnosen mitteilt. Auch Ihr Chef könnte so jemand sein, der dann moniert, nie um eine Diagnose gebeten zu haben. Ich kann nur aus eigener Erfahrung sprechen: Wenn mir eine Freundin damals nicht unaufgefordert (!) gesagt hätte, dass ich immer alles falsch verstehe, wäre ich nie zur professionellen Ohrenreinigung gegangen. Und mein lieber Scholli, ist das ein geiles Gefühl, wenn mal der ganze Schmodder aus den Lauschern gespült wird.

Ich verstehe es als großes Privileg, dass ich durch die Ohrenreinigung das Gleiche empfinden durfte wie DDR-Bürger:innen beim Fall der Mauer: das Gefühl von Freiheit. Außerdem ist endlich, nach Jahren des vergeblichen Suchens, mein MP3-Player wieder aufgetaucht. Und es lief sogar immer noch »Schrei« von Tokio Hotel. Ihre Diagnose nicht zu teilen, wäre also fatal. Stellen Sie sich vor, Ihr Chef würde ohne Sie nie erfahren, warum er sich Ihr Sternzeichen nicht merken kann. Wäre das nicht schrecklich?

Natürlich verstehe ich dennoch Ihre Vorsicht. Ihr Chef wäre nicht der erste Vorgesetzte, der die Arbeit seiner Angestellten nicht wertschätzt. In Ihrem Fall wäre es sogar noch verachtenswerter – immerhin entlasten Sie mit Ihren unbezahlten Überstunden ein ganzes psychiatrisches Versorgungssystem. Mein Tipp: Wenn im worst case, Gott bewahre, Ihr Chef Ihre Expertise und TikTok als Quelle anzweifelt, besinnen Sie sich auf die Tatsache, dass ADHS keine Erfindung chinesischer Propaganda ist.

Anstatt mit der Diagnose in sein Büro zu fallen, können Sie sich auch erst mal langsam rantasten: Wenn er nach seinem morgendlichen Cappuccino fragt, strecken Sie die Barista-Milch doch mit einem Schuss Ritalin und beobachten Sie ihn über den Tag. Ist eine Verbesserung zu erkennen? Ja? Selbst dann besteht leider die Gefahr, dass er Ihnen nicht richtig zuhören wird. Weil er Sie nicht ernst nimmt oder ein hartnäckiger Ohrenschmalzpropf seinen Gehörgang verstopft. Machen Sie ihm dann bitte sofort einen Termin beim HNO.

Viola Müters Kolumne »Die bessere Antwort« erscheint jeden Donnerstag nur bei TITANIC!


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