Eugen Egners »Gift gibt Kraft«

So geht das jeden Abend
Heimkehr (1. Teil)
Spät abends kehrte Konrad von einem forschungsbedingten einjährigen Auslandsaufenthalt heim. Er hatte keine Bedenken gehabt, Grimp für so lange Zeit allein im Haus zu lassen. Wenn sie ihre Medikamente regelmäßig nahm, konnte sie auf ihre klaustrophile Art durchaus unauffällig leben. Sie war außerstande, einer beruflichen Tätigkeit nachzugehen, wußte sich aber sehr wohl zu beschäftigen. Bisher war sie stets diszipliniert ihren Interessen nachgegangen, von denen Konrad gar nicht genau wußte, worin sie bestanden. Grimp brauchte sich sonst um nichts zu kümmern, zweimal wöchentlich kam eine Haushaltshilfe, die auch einkaufte und kochte.
Konrad wunderte sich, dass alle Fenster dunkel waren und Grimp sich nicht blicken ließ, obwohl sie doch wußte, dass er an diesem Abend zurückkehrte. Während er sein Gepäck zum Haus trug, begann Konrad, sich Sorgen zu machen. Er schloß die Haustür auf. Wie schwer sie sich öffnen ließ! Da mußte etwas im Weg liegen – um Gottes Willen, Grimp! Nein, ein menschlicher Körper war es nicht. Was da weggeschoben wurde, raschelte wie Papier. Dann verklemmte sich die Tür. Mit Müh und Not konnte Konrad sich durch den Spalt zwängen. Er drückte den Schalter für die Flurbeleuchtung, doch es geschah nichts. Vielleicht war eine Sicherung defekt? “Grimp?” rief Konrad. “Hallo, Grimp! Ich bin da!” Keine Antwort. Konrads Stimme schien seltsam widerzuhallen. Im schwach hereinfallenden Licht der Straßenlaterne erblickte er dann die Ursache für die Widerspenstigkeit der Haustür. Vor seinen Füßen lag ein Haufen Zeitungen und Briefe. Ein dicker Umschlag war unter die Tür geraten und blockierte sie. Wie es aussah, hatte man seit meiner Abreise alles, was eingeworfen worden war, unbeachtet liegen gelassen. Als Konrad den Blick von dem rätselhaften Papierberg am Boden hob, fiel ihm eine Veränderung der Diele auf. Wo waren die Möbel, die Bilder, der Läufer? Sogar die Lampe war fort, daher gab es kein Licht. Noch einmal rief er und erhielt wieder keine Antwort. Hastig lief er in den Wohnraum – auch dort gab es keine Einrichtungsgegenstände mehr. In den übrigen Zimmern war es das gleiche. Das ganze Haus war vollkommen leer! Was war geschehen? Und wo war Grimp?
(Fortsetzung folgt)