Eugen Egners »Gift gibt Kraft«
Dies ist gar keine richtige Geschichte (Überarbeitete Fassung, Teil 2)
Inzwischen hatte uns das Wohnzimmer aufgenommen. Aus einer unübersichtlichen Ecke zog das Paar etwas hervor, ein Stück Holz, wie ich bald erkannte. Feierlich gemessenen Schrittes wurde es vierhändig zu mir getragen wie Kronjuwelen oder das Herz Jesu. Die Eheleute riefen: »Wir sind ehrlich stolz auf dieses Stück Holz!« Man ließ mich geraume Zeit mit dem Stück Holz allein, damit ich seine Vorzüge von allen Seiten zu würdigen lernen konnte. Ein unglaublicher Vertrauensbeweis war das – schließlich war ich doch ein Fremder, der fälschlicherweise für einen Postboten gehalten wurde! Ich nahm mir vor, mich künftig wieder mehr um meine Sammlung alter Armlehnen zu kümmern. Es war einfach schön, etwas zu haben, das einen interessierte und ausfüllte. Schließlich mußte ich mich aber losreißen und klingelte.
»Schon fertig?« wunderte sich der Mann, als er hereinkam und die Klingel zerschmetterte.
»Ich muss zurück zum Briefzentrum«, log ich unverschämt.
Der Mann ließ das nicht gelten, sondern fing an, mir auseinanderzusetzen, welche immense Bedeutung das Holzstück für ihn und seine Frau hatte, und zwar unter den Hauptgesichtspunkten: ungewollte Schwangerschaft, Zeugungsunfähigkeit, Ehescheidung, Wiederverheiratung, Wohnsitzwechsel.
»Es reicht«, mahnte seine Frau. »Mach den Herrn nicht verrückt. Du hörst doch, dass er zum Briefzentrum muss.«
Wütend stampfte der Mann auf und schmiss das Holzstück in die unübersichtliche Ecke zurück, dass die Splitter nur so flogen. Meine gezwungen höflichen Abschiedsworte überhörte er bockig.
»Kommen Sie«, sagte seine Frau zu mir, »ich lasse Sie hinaus.«
Neben der Haustür stießen wir auf ein paar kurze, mit Stricken aneinandergebundene, aufrecht stehende Dachlatten.
»Keine Angst«, lachte die Frau, »das ist kein richtiges Kind!«
(Hier könnte eigentlich Schluss sein, aber es ist noch Text übrig.)