Eugen Egners »Gift gibt Kraft«
Dies ist gar keine richtige Geschichte (Überarbeitete Fassung, Teil 1)
In letzter Zeit werde ich oft fälschlicherweise für einen Postboten gehalten. Einmal geschah es, dass ich stundenlang völlig selbstvergessen vor dem Gartentor eines Einfamilienhauses verharrte, als traute ich mich wegen eines bissigen Hundes nicht auf das Grundstück. Im Vorgarten, gleich neben dem Weg zum Haus, stand ein aus vier Holzstücken kreuz und quer zusammengenageltes Gebilde, in dessen Betrachtung ich mich nun vertiefte, bis endlich ein Mann mittleren Alters aus dem Haus gelaufen kam und mir zurief: »Keine Angst, das ist kein richtiger Hund!« Er öffnete das Törchen, um mich, den vermeintlichen Postboten, einzulassen. Ich tat erleichtert und zog ein paar Briefe aus der Tasche. (Längst habe ich mir angewöhnt, in solchen Situationen den Leuten ein wenig Post zu überreichen, damit keine langen Diskussionen entstehen.) Der Mann ging die Briefe durch.
»Nur wieder Reklame und Rechnungen«, kommentierte er mürrisch. Ich schlug vor: »Die Rechnungen können Sie gleich bei mir bezahlen.«
»Später«, antwortete er. »Kommen Sie doch mit ins Haus, ich möchte Ihnen etwas zeigen.«
»Geht es um Holz?«
»In der Tat, ja«, erwiderte der Mann verblüfft, »woher wissen Sie das?«
Ich schwieg, um eine geheimnisvolle Wirkung bemüht. In der Diele gesellte sich die Ehefrau zu uns.
»Zeigen wir es ihm?« fragte sie ihren Mann.
Er nickte: »Ich denke schon.«
»Sind Sie ein Ästhet?« erkundigte sich die Frau sodann bei mir. »Letzte Woche hatten wir einen Ästheten hier, der interessierte sich nicht dafür.«
»Lass ihn, Margret«, sprach der Ehemann besänftigend. »Ich sehe es in seinen Augen, er hat gewiss den rechten Sinn dafür.«