Eugen Egners »Gift gibt Kraft«
Das Betriebsgeräusch der Realität
Das Betriebsgeräusch der Realität wurde in der Literatur als “insektenhaft” beschrieben. Ohne den Kopf ein Stück weiter aus dem Kragen zu strecken oder zu ziehen, konnte ich es nicht hören. Zur Unterstützung meiner akustischen Aufnahmefähigkeit sollte ein Klavier im früheren Ernstfallzimmer aufgestellt werden, das diesem Zweck entsprechend neu zu tapezieren war. Ich hatte Verständnis dafür. Zu jener Zeit wurde mir eine alte Sterbeversicherung ausgezahlt, und von dem Betrag konnte ich einen hochwertigen Kruck-Flügel kaufen. Bei seiner termingerechten Lieferung enthielt sein Resonanzboden überraschenderweise die Herzogin von Cleve. Mich bewegte die Frage, wie mein Vater darauf reagieren würde. Er schickte mich in den Keller. Die dadurch entstehende Zeit nutzte er, um die im Beipackzettel vermerkten Kanonizitätsbedingungen aufs Klavier zu übertragen. Als ich in die Wohnung zurückkehrte, stand die Mutter der Herzogin von Cleve in der Diele und redete fälschlich davon, dass ihre Tochter auf den Konzertflügel übertragen worden sei. Etliche Doktoranden im Zimmer überprüften, ob ihr dieses Reden wohl gut bekäme. Aller Augen waren auf meinen Vater gerichtet. Er trug einen Arztkittel und machte entsprechende Gesten. “Ammoniak könnte ihm helfen”, meinte einer der umstehenden Doktoranden. Leider konnte ich mich damit nicht aufhalten. Eine wichtige Abwesenheit erforderte meine ungeteilte Aufmerksamkeit. Ohne etwas zu verändern oder zu verschlucken, ging ich in die Küche und trocknete das Geschirr mit dem linken Hosenbein ab.
