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Eugen Egners »Gift gibt Kraft«

admin


Lichtverhältnisse (1. Teil)

Die Landschaft, die ich als frischgebackener Beleuchtungsassistent an meinem ersten Arbeitstag zu sehen bekam, erinnerte mich an eine alte, stark vernachlässigte Modelleisenbahn-Anlage. Überall waren Schrunden und Bruchstellen eingedrückt. Den Gleiskörpern war die Stahlseele ausgetrieben, sie waren wie nach einer schweren Privatisierung verbogen und verrottet. Vereinzelt lagen umgekippte, vom langen Liegen halb aufgelöste Lokomotiven und Waggons herum. „Hoffentlich muß ich das nicht alles aufräumen“, dachte ich ängstlich. Zu meiner Beruhigung sagte Ingenieur Heckel aber: “Wir überprüfen die Beleuchtung in der gesamten Gegend und ersetzen, wo nötig, defekte Glühbirnen durch neue.“
Dafür waren also die vielen Ersatzbirnen auf dem Handwagen gedacht, den ich zog. „Hierzulande herrscht eine schwere Sonderform der Entropie“, fuhr Heckel fort. „Alles geht sehr schnell kaputt, vor allem Glühbirnen.“ Er zeigte auf einige der umstehenden Beleuchtungseinrichtungen, denen der Defekt deutlich anzusehen war. „Sehen Sie“, sagte er, „diese Lampen besitzen keine Leuchtwirklichkeit mehr.“
Heckel ließ sich von mir ein paar intakte Birnen aus der fahrbaren Vorratskiste geben und demonstrierte, wie das Auswechseln vor sich ging. Ein Aus- und Einschrauben großen Stils fand statt, wir gerieten wegen der Sulfite in den Glaskörpern ordentlich ins Schwitzen. Hin und wieder waren Laternenmasten zu erklimmen, was ich aber höflich ablehnte.
„Wie es aussieht, werden Sie bald Nachschub aus der Glühbirnenfabrik holen müssen“, informierte mich Ingenieur Heckel mit einem Blick auf den sich leerenden Handwagen.

(Fortsetzung folgt)

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