Eugen Egners »Gift gibt Kraft«
Ein Brahms-Abend in der Blockstelle (2. Teil)
Zu jener Zeit war mein Erinnerungsvermögen stark beeinträchtigt. Ich führte dies auf meine Gewohnheit zurück, nach 23 Uhr bisweilen Scheiben rohen Toastbrots zu essen. Durften wir so laut sprechen, schlucken und lachen, wenn doch der Blockstellenwärter krank war und uns sicherlich hörte? „Er hört uns nicht“, beruhigte seine Tochter die Anwesenden, „unsere Dimension und seine sind so verschieden wie das Leuchten mit dem Hund und das Leuchten mit dem Kind.“ Höflicherweise behielt ich meine Meinung dazu für mich. Der Schaffner erzählte, dass der Blockstellenwärter früher einmal einen Aufsatz zum Thema „Meine Wandlung zum Stellwerk“ hatte schreiben sollen und dass ihm dann nichts eingefallen sei. Zwischendurch fragte mich jemand: „Ist es 14 Uhr?“, und ich antwortete: „Weder noch.“
Alle erzählten irgendetwas, es hatte aber keinen Zweck. Ich verstand einfach alles falsch, und das lag zweifellos an meinem linken Ohr. Paläontologisch gehört das linke Ohr nämlich einer anderen Entwicklungsfamilie an als das rechte.
„Ich bin so leer“, gestand ich der Tochter des Blockstellenwärters, als sie mich später im dunklen Treppenhaus mit den besten Absichten an die Wand drückte. Ich wollte sie ja küssen, hatte aber keine Ahnung, wie so etwas ging, deshalb warf ich Dinge zu Boden. Das konnte ich immerhin. Es gab mir das Gefühl, jünger zu sein.