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Eugen Egners »Gift gibt Kraft«

admin

Ein Dienstagnachmittag (2. Teil)

Bevor ich die Frau fragen konnte, was sie in unserem Ort zu suchen hatte, fing sie von allein an zu berichten: „Ich bin zur Beerdigung meines Onkels hergekommen. Das war vor vierzehn Tagen, und jetzt bin ich noch immer hier. Ist es denn richtig, daß mein Onkel täglich wieder beerdigt wird?“ Woher sollte ich das wissen? Zufällig hatte ich den Verstorbenen zur Hand, sogar lebend. In einer Kommodenschublade bewahrte ich ihn (etwa um zwei Drittel verkleinert) zwischen allerhand Tüchern auf, so daß er es behaglich hatte. Infolgedessen wirkte er immer etwas verschlafen, doch keinesfalls unzufrieden. Ich zeigte ihn meiner Besucherin, und die beiden begrüßten einander wie alte Bekannte, während der Dreck von draußen an die Fensterscheibe klatschte.
„Mir geht es gut“, sagte der Onkel zu seiner Nichte, „fahr ruhig nach Hause. Die Menschen suchen nur etwas Zerstreuung, deshalb bestatten sie mich so gern.“ Ich merkte altklug an: „Zerstreuung ist gut, sollte jedoch nicht bis zur Pulverisierung gehen.“ Niemand lachte. Die Frau fragte ihren Onkel, ob er ein Beruhigungs- oder Schlafmittel benötige, er aber erwiderte, er könne auswendig schlafen. Nach einem formlosen Abschied wurde die Schublade wieder in die Kommode zurückgeschoben. „Gut, daß das nun zuende ist“, sagte die Frau. Mir fiel weiter nichts mehr ein. „Die Fische sind fort“, stellte ich anläßlich eines Blicks aus dem Fenster fest. In der nächsten Sekunde war auch die fremde Frau fort.
Erschöpft sank ich auf meinen Ruhesessel nieder. „Ich werde jetzt ein Stück Schokolade essen“, sprach ich zu mir selbst, „das Leben muß weitergehen.“


Weihnachten droht!

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