Eugen Egners »Gift gibt Kraft«
Kopien aus Holz
Der seinerzeit von meinem Küchenradio aufgeworfenen Frage „Darf man zu Weihnachten schlechte Kopien von sich selbst aus Holz verschenken?“ verdankte ich die Anregung zu einem eigenen Versuch. Selbstverständlich war es nicht meine Absicht, schlechte Kopien von mir zu erzeugen, doch erwartete ich eingedenk meiner handwerklichen Fähigkeiten kein allzu gutes Ergebnis. Ich schrieb zunächst eine Liste des benötigten Materials. Im wesentlichen handelte es sich um Holz, Farbe und etwas Elektronik.
Die Zutaten für mein erstes Projekt kaufte ich in der alten Ladenstraße, die ich in jener Zeit sehr oft aufsuchte. Sobald ich alles beisammen hatte, begann ich zu skizzieren, zu messen und zu rechnen. Dann sägte, bohrte, feilte, schliff, leimte und bemalte ich, bis – nach einigen minder tragischen Zwischenfällen – zuletzt eine hölzerne Kopie meines äußeren Menschen entstanden war, die mir entfernt ähnlich sah. So weit hatte ich es aus eigener Kraft gebracht. Was mir nun Kopfzerbrechen bereitete, waren die elektrischen Anschlüsse. Zu meinem Glück gab es am Rande der alten Ladenstraße ein Radiogeschäft, dessen Inhaber neben Reparaturen auch elektrische Konstruktionsarbeiten ausführte. Ihn beschloß ich zu fragen, ob er die für meine Kopie nötige Verkabelung übernehmen könne.
In seinem Laden herrschte eine solche Unordnung, dass ich am liebsten sofort wieder hinausgelaufen wäre. Doch bevor ich mich nur umdrehen konnte, entlockte mir der Inhaber geschickt mein Anliegen. Er versprach mir die wunderbarsten Dinge. Weil ich befürchtete, er würde mich sonst nicht gehen lassen, erteilte ich ihm den Auftrag, meine Kopie aus Holz zu elektrifizieren.
Ich konnte eine freundliche Bekannte überreden, mich mit meiner Holzarbeit in ihrem PKW zur Ladenstraße zu transportieren. Eine Woche später ließ der Radiotechniker mich wissen, die Arbeit sei getan. Und tatsächlich fand ich dann alles ausgesprochen zufriedenstellend erledigt. Zudem war der dafür geforderte Preis nicht hoch. Die erste Kopie von mir aus Holz war fertig und funktionierte. Das spornte mich an, weitere in Angriff zu nehmen. Es gab etliche Versionen, die ins Dasein drängten. Erneut beschaffte ich alles, was ich brauchte, und eine Kopie nach der anderen entstand. Jedesmal wollte ich die elektrischen Anschlüsse selbst vornehmen, und jedesmal scheiterte ich. Der Radiotechniker musste mir immer wieder aus der Verlegenheit helfen.
Mit der Zeit wurde ich eine stattliche Summe Geldes los, und meine enge Wohnung füllte sich mit den Resultaten der zur Obsession gewordenen Liebhaberei. Es gab mich als Männer, Frauen und Kinder sowie in diversen ethnischen Varianten. Ich mußte damit aufhören. Doch vorher wollte ich noch ein letztes, überaus anspruchsvolles Projekt realisieren, gewissermaßen mein Meister- oder doch zumindest mein Gesellenstück: Ich als Servierwagen.
Letzter Hinweis auf die Dringlichkeit
der Geschenkanhäufung in schwerer Zeit

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