Eugen Egners »Gift gibt Kraft«
Aus der Welt der Arbeit
Vor gut vier Jahren rief mich eines Tages die Abteilungsleiterin zu sich. Sie informierte mich darüber, dass „von höchster Stelle“ verlangt werde, wir sollten ein elektronisches Gerät entwickeln, mit dessen Hilfe geklärt werden könnte, ob es ein Leben nach dem Tod gibt. Weil ich schon so lange für den Betrieb arbeitete, fiel diese Aufgabe mir zu. „Sehen Sie es als einmalige Chance für Ihr berufliches Fortkommen an“, riet mir die Abteilungsleiterin. Damit war die Unterredung beendet.
Ich überlegte, wie ich die mir übertragene Aufgabe lösen könnte. Vermutlich stellte sie sogar für abgebrühte Elektronikspezialisten eine Herausforderung dar, somit konnte dafür niemand unzuständiger sein als ich. Von Elektronik habe ich nicht nur keine Ahnung, sondern verabscheue sogar alles, was damit zusammenhängt. Nicht einmal angesichts der offenkundigen Hoffnungslosigkeit meiner Lage war ich dazu bereit, mir ein Beispiel an berühmten Inkompetenten zu nehmen, die ihrer objektiven Unfähigkeit zum Trotz reich und mächtig geworden waren. Ich vermutete, dass dazu eine bestimmte charakterliche Veranlagung notwendig sei, über die ich nicht verfüge. Also beschloß ich, mich ganz passiv treiben zu lassen. Irgendwo hatte ich gelesen oder gehört, diese Vorgehensweise sei überaus effektiv, weil man dabei durch unbewußte Prozesse zwangsläufig zum Ziel geführt werde. Das Wichtigste war demnach, meinen bewußten Willen auszuschalten. Bei einem meiner infolgedessen plan- und ziellos stattfindenden Gänge durch die Stadt entdeckte ich bereits nach wenigen Wochen im Schaufenster eines stark heruntergekommenen Hifi- und Fernsehtechnik- Geschäfts den offenbar vor langer Zeit handschriftlich verfaßten Aufruf:
Herbei, herbei, wer Elektronik lernen will!
Die Ladentür war allerdings verschlossen. Auf dem beschädigten Firmenschild stand eine Rufnummer, unter der sich nie jemand meldete, so oft ich sie wählte. Als ich ein paar Tage später noch einmal zu dem Laden ging, sah ich mich mit Leerstand konfrontiert, an dem sich nie mehr etwas ändern sollte.
Meine unbewußte Steuerung hat mich seitdem, was die Erledigung meines Auftrags betrifft, nicht weitergebracht. Sie bewirkt nur, dass ich morgens lange schlafe und schon seit vier Jahren nicht mehr zur Arbeit gegangen bin. Dort scheint mich niemand zu vermissen, denn mein dürftiges Gehalt wird nach wie vor jeden Monat überwiesen.