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Eugen Egners »Gift gibt Kraft«

admin

Variation über ein eigenes Thema

Auf dem Marktplatz hatte eine „Wunderschau“ ihr Zelt errichtet. Für jede Ablenkung dankbar, kaufte ich mir an der Kasse eine Eintrittskarte. Halbdunkel empfing mich in dem großen Zelt. Soviel ich sehen konnte, war ich der einzige Besucher. Erwartungsvoll begann ich meinen Rundgang. Schon über das erste Objekt musste ich mich sehr wundern. Es war das gleiche Bild, das in der Wohnung meiner Tante hing, die gerahmte Bleistiftskizze von einem alten, verwitterten Haus. Darin gab es viele unterschiedliche Archivräume. Auch von mir sollte etwas archiviert werden, vielleicht meine frühen Streckenberechnungspläne. Die Verhandlungen darüber waren damals noch nicht abgeschlossen.
Nach diesem überraschenden Anfang ging ich neugierig weiter. Es folgte ein Extrakabinett. „Bitte einzeln eintreten“ stand auf einem Schild über dem Eingang. Das Kabinett enthielt zwei große Glasvitrinen. In der ersten war eine Mumie ausgestellt. Beim Näherkommen glaubte ich, eine Halluzination zu haben, denn die erstaunlich gut erhaltene Mumie sah aus wie ich selbst. Fassungslos starrte ich meinen leblosen Doppelgänger an. Im Informationstext zu dem Exponat stand, die Mumie sei von „elenden Leuten“ irgendwann irgendwo ausgegraben worden, als sie eigentlich nach etwas anderem gesucht hätten. Um die Mumie besser tragen zu können, hätten die Leute sie in kleinere Teile zerlegt.
Ich taumelte zur nächsten Vitrine. Darin lagen die Einzelteile der Mumie. Diese „Wunderschau“ hatte wirklich etwas zu bieten, und ich war gespannt, was noch käme. Um zu den folgenden Attraktionen zu gelangen, musste ich durch einen dicken, schweren Vorhang schlüpfen – und fand mich draußen auf der Straße wieder. Direkt vor mir stand ein Haus mit einem heruntergekommenen Hifi- und Fernsehtechnik-Geschäft im Parterre. Ich überlegte nicht, wie das möglich sein könnte, sondern trat schnell ein. Im Laden war niemand, deshalb sah ich im Hinterzimmer nach. Dort traf ich eine Frau dabei an, wie sie den anscheinend toten Ladenbesitzer zum Hinterausgang schleifte. „Kann ich Ihnen helfen?“ fragte ich höflich. Die Frau antwortete: „Nein danke, ich schaffe es schon allein.“ Da ich mich nicht nützlich machen konnte, ging ich nach Hause.

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