Vom Fachmann für Kenner | März 2026
Sie kann auch anders
Durchaus mag ja Traumzensur eine vorwiegend dumme Sau sein, welche die bezüglich Lust- oder Abenteuergehalt meistversprechenden Szenen gern überraschend aschgrau einfärbt oder auch einfach abbricht und für beendet erklärt; sehr gut zu mir war sie aber heute Nacht, nachdem ich gefühlte zwei Stunden lang ums Verrecken nichts anderes geträumt hatte als die vollkommen trostlosen Worte »Anorak Nr. 351« und sie diesen Scheiß offenbar genauso bekloppt fand und mich wachrüttelte, vergleichbar sanft sogar. Danke!
Thomas Gsella
Wie du dir, so ich mir
Im Bahnhof von Visp im Wallis hängt ein Plakat: »Behandele Deine Mitmenschen so, wie Du von ihnen behandelt werden möchtest. Jesus Christus.« Nicht auszudenken, was passieren würde, wenn diese Aufforderung einem Masochisten zu Ohren kommt.
Hans-Martin Schneble
Threequarterlifecrisis
Kurz vor meinem 50. Geburtstag mache ich mir natürlich Gedanken über mein bisheriges Leben. Mein aktuellster dazu lautet: »Ich verstehe mich am besten mit den Menschen, mit denen ich gar nicht mehr rede. Und das beruht auf Gegenseitigkeit.«
Wilson Pearce
Durchblick
In dem Moment, in dem mir klar wurde, dass die Duschabtrennung gar nicht in sichthemmender Riffeloptik gestaltet war, wie ich immer angenommen hatte, sondern einfach nur verkalkt, bekam der Blick auf mein Wirken als engagiert-dynamischer Hausmann ebenfalls etwas sehr Undurchsichtig-Trübes.
Tom Breitenfeldt
Wenn ich einmal reich wär’
Was mich an meinem Milliardärdasein am meisten stören würde, wäre die Hyperinflation, die das überhaupt erst ermöglicht hat.
David Sowka
Neujahrserfolg
Ich habe mir für 2026 vorgenommen, mehr Sport zu treiben, habe mich beim »Deutschen Sportabzeichen« darüber informiert, wie schnell man in meinem Alter rennen können sollte, und dank des harten Januartrainings bin ich schon jetzt ein richtig guter Läufer: Für die Zeit, in der andere zehn Kilometer laufen, brauche ich nur fünf.
Cornelius W. M. Oettle
Lecter bei Lidl
Bei Lidl an der Kasse stand letztens ein Mann hinter mir, der verblüffende Ähnlichkeit mit dem Schauspieler Anthony Hopkins aufwies, der einst den Psychopathen und Menschenfresser Hannibal Lecter furchteinflößend und diabolisch verkörperte. Damit nicht genug, schien mich der Mann obendrein verstohlen zu taxieren, quasi mit den Augen abzuschmecken, was mir zusätzlich kalte Schauer über den Rücken trieb. Nein, er konnte es nicht sein, doch um mich abzulenken, stellte ich mir trotzdem vor, was sich denn im Einkaufswagen von Dr. Lecter befände: Pizza Quattro Personi? Menschenfleischsalat? Eier aus Hodenhaltung? Tiefkühltorsten? Ich beruhigte mich schließlich, indem ich mir einredete, dass der Schöngeist und Gourmet, wenn er schon beim Discounter einkaufen würde, dies mit Sicherheit bei Kannibaldi täte.
Thorsten Mausehund
Nicht alles schlechter
Ich kann mich noch an Zeiten erinnern, in denen ich mir beim Liken schlechter Nachrichten auf Social Media den Kopf zerbrach: Verstehen denn alle, dass ich mich nicht über die Todesopfer nach dem Absturz der Germanwings-Maschine freue, aber wertschätze, von dem Beitrag darüber informiert worden zu sein? Heutzutage sind Missverständnisse glücklicherweise ausgeschlossen. Gute Nachrichten gibt es ja im Grunde gar nicht mehr.
Patrick Volknant
Mangiare
Der Wohlklang der italienischen Sprache ist unübertroffen. Er wirkt sogar bei ganz banalen deutschen Wörtern, zum Beispiel diesem hier, wenn man es wie einen italienischen Speck ausspricht: Ladezone.
Karl Franz
Titelverleih
Ich bedaure ja sehr, dass englische Filmtitel so selten ordentlich ins Deutsche übertragen werden. Wäre der »Extra-Terrestrial« E.T. damals ordnungsgemäß mit »Außerirdischer« übersetzt worden, hätte Steven Spielberg schon 20 Jahre vor seinem Film »A.I.« die entsprechende Abkürzung in einem deutschen Titel verewigt gesehen. Der Actionfilm »Con Air«, der an Bord eines Flugzeugs voller Schwerverbrecher spielt, wäre hierzulande unter dem Titel »Schufthansa« sicher besser angekommen, und hätte man das bedeutungsschwere Numerale in »Gladiator II« nicht elegant durch »Römisch Zwo« ersetzen können? Ich plädiere an die Filmverleiher, sich künftig mehr Mühe zu geben. Es ist noch nicht zu spät, zum Beispiel bei der Filmreihe »A Quiet Place« einzuschreiten und den bereits angekündigten dritten Teil endlich unter dem Titel »Das stille Örtchen« herauszubringen.
Wieland Schwanebeck
Bedeutungszwang
Bei uns in der Firma sind die Besprechungsräume nach deutschen Mittelstädten benannt. Man hat dann mal das eine Meeting im Raum »Oldenburg«, das andere im »Heidelberg«, und zur Verabschiedung der Kollegin schaut man im »Krefeld« vorbei. Wir sind eine große Firma und haben mehr Besprechungsräume, als ein Mensch zählen kann. Kein Wunder, dass ich erst einmal zu Tode erschrocken bin, als neulich im Radio die Meldung kam, dass im Raum Aachen eine Tankstelle überfallen wurde.
Theobald Fuchs
Animismus für Anfänger:innen
Die Vorstellung, dass auch unbelebte Objekte beseelt sind und Empfindungen haben, mag absurd klingen. Aber neulich, als ich einen Kuchen backte, war der richtig gerührt.
Jürgen Miedl
Einstellungssache
Ich musste nun lesen, dass jede zweite Person in Deutschland an Krebs erkrankt, und den Sterbefällen meiner Großeltern nach zu urteilen, gehöre ich wohl eher zu diesen 50 Prozent der Bevölkerung. Aber ich bin ein positiver Typ vom Schlag »Die Familie ist nicht halb leer, sondern halb voll mit Krebs«.
Sebastian Maschuw
Die Kernaussage
In einem Buch über die Hanse las ich: »Die Bedeutung der Gewürze, aber auch der Südfrüchte, besonders der Feigen, für den nordeuropäischen Handel ist bisher nur in Ansätzen erforscht worden. Doch zeugen die zahlreichen Funde, z. B. von Feigen- und Weintraubenkernen, bei archäologischen Ausgrabungen in Nordeuropa davon, wie beliebt diese Zutaten im Mittelalter waren.« Seit ich dies gelesen habe, sehe ich kernlose Weintrauben in einem anderen Licht. Wir sollten uns als Gesellschaft überlegen, welches Bild wir bei zukünftigen Archäologen erwecken wollen.
Paul Amsel
Aussprache
Viele Hörbuchsprecherinnen und Rezitatoren genießen in der Öffentlichkeit hohes Ansehen, weil sie ihre Stimmen so wirkungsvoll zu modulieren imstande sind. Für mich sind diese Leute Betonköpfe!
Mark-Stefan Tietze